Es ist mir bewußt, dass viele Hunde im Süden viel mehr leiden müssen, als ich es gemußt habe. So gesehen bin ich ja auch nur
eine Teilzeit-Straßenhündin, weil ich schon ein Mal ein Zuhause
hatte. Als ich es aber verlor, war ich mehrere Monate auf mich
alleine gestellt. In dieser Zeit widerfuhr mir so viel Böses, dass
ich darunter immer noch
leide, obwohl ich jetzt schon seit über zwei
Jahren in Sicherheit bin. Meine Menschen sind zwar keine Hundeprofis,
wie ich sie manchmal im Fernsehen sehe, aber ich finde, sie haben mir
trotzdem schon viel helfen können. Es wird ja gesagt, dass es hilfreich sei,
über schlimme Erlebnisse zu reden oder zu schreiben. Ich
versuche es und vielleicht werden die Ängste dann eines Tages ganz
verschwinden.
Angst 1: Verlassen zu werden
Seit ich meine eigenen Menschen habe,
fürchte ich mich sehr davor, wieder verlassen zu werden. Ich weiß ja gut, wie furchtbar
schmerzhaft das ist. Der alte Mann, bei dem ich früher lebte, hat mich schließlich auch verlassen. Na gut, er starb. Es war dann wohl nicht
absichtlich. Aber trotzdem, ich hatte einen Menschen verloren, der
zwar sehr, sehr streng zu mir gewesen war, aber der sich auch um mich
gekümmert hat. Meinen neuen Menschen habe ich inzwischen mein ganzes Herz
geschenkt und ich will mir ein Leben ohne sie nicht vorstellen. Aber
vielleicht werden auch sie mich irgendwann einfach verlassen.
In den ersten paar Tagen nach Ankunft bei meiner neuen Familie behielt ich besonders den Mama-Menschen ganz genau im
Auge – die anderen kannte ich ja schließlich noch gar nicht so gut. Ich folgte
ihr überall hin, keine Sekunde lang ließ ich sie aus den Augen. Als ich
aber sah, dass sie tatsächlich nirgendwo ohne mich hin ging und
dass die anderen Menschen auch sehr lieb waren, beruhigte ich mich allmählich.
Nach fast zwei Jahren in dieser Familie
weiß ich theoretisch, dass ich hier für immer bleiben darf. Trotzdem möchte ich zur
Sicherheit immer dabei sein. Das darf ich auch, wann immer es
irgendwie geht. Auf jeden Fall bleibt einer von meinen allerliebsten
Menschen, meine Mama oder mein Papa, immer bei mir. Als ich das ein Mal einigen
Freunden von mir erzählte, meinten sie, dass ich verwöhnt sei. Aber
dann sage ich mir immer, was meine Menschen mir sagen, nämlich dass ich
es verdient hätte.
Angst 2: Rolläden
In der ersten Zeit hier in Deutschland
habe ich mich bei meinem morgenlichen Spaziergang immer furchtbar
erschrocken, wenn die Nachbarn ihre Rolläden hochgezogen
haben. Einige Male nahm mich mein Mama-Mensch auf den Arm, damit ich
über den Zaun gucken konnte. Es war schon richtig spannend, aber als
ich sah, dass diese Rolläden einfach von der Nachbarstante
hochgezogen wurden, ohne dass jemand heraus kam oder hinein ging,
verlor ich langsam das Interesse an diesem Geräusch. Wenn die
Tante Nachbar sonst nichts zu tun hatte, sollte sie doch so viel mit ihren
Rolläden spielen, wie sie wollte.
An dem verfallenen Haus in Spanien, in
dem die vier anderen Hunde und ich nach dem Tod des alten Mannes
alleine leben mußten, gab es keine richtige Tür, sondern nur eine
rostige Rollade. Immer wenn diese knirschend hochgezogen wurde, wussten
wir, das Böse kam herein. Wir versuchten, so schnell
wie möglich zu flüchten. Es gelang nicht immer.
Angst 3: Kapuzen
Oft war das Böse, dass ins Haus
hinein kam, eine Gruppe von Jugendlichen bekleidet mit Kapuzenpullis. Noch heute kann ich keinen Menschen mit solchen Pullovern ohne furchtbare Panik
begegnen. Mein eigener Schwester-Mensch trägt zwar auch solche
Pullis, aber erstens zieht sie mir zu Liebe die Kapuze nie über den Kopf und
zweitens ist sie eh der liebste Schwester-Mensch auf der Welt.
Angst 4: Ratten
Es war sehr schlimm und es ist immer noch sehr schlimm. Diese Viecher greifen meine Babies und mich immer noch an - zumindest in meinen Alpträumen. Ratten. Es gab so viele hungrige Ratten in
diesem verfallenen Haus. Sie waren oft riesig und viel zu viele. Es war
so unendlich grausam, dass ich es gar nicht beschreiben kann.
In meiner Familie leben drei
Kaninchen. Manchmal höre ich sie in der Nacht herum wühlen oder was
Kaninchen halt so machen. In einer schlechten Nacht drängt sich dieses
Geräusch in meine Träume
und dann sind die Ratten
wieder da. Wenn ich aus dem Alptraum aufwache, sehe ich meine Menschen, aber ich suche
noch sehr lange nach diesen Monstern. Meine Menschen lassen mich dann die
Kaninchen ganz genau beschnüffeln und ich weiß mit Sicherheit, dass
sie keine Ratten sind. Aber in meinen Träumen werden diese wohl noch
lange erscheinen.
Angst 5: Große Hunde
Jeder Hund bis zu meiner Größe ist sofort mein Freund. Egal ob Junge oder Mädchen, ich mag
sie alle. Meistens sind sie ja auch richtig nett und witzig. Es macht mir viel Spaß, mit ihnen zu spielen. Aber jeder größere Hund, sei er nur um zwei Zentimeter größer, flößt mir sofort Angst ein. Ich
wurde von so vielen größeren Hunden gehänselt und bedrängt, als ich schutzlos in
Spanien leben mußte, dass ich heute keinem mehr traue. Meine
Menschen haben mir gezeigt, dass sie mich nun beschützen. Sie
stellen sich immer zwischen so einem Monsterhund und mir, damit ich
keine Angst vor ihm haben brauche. Oft fangen sie auch irgendein absolut belangloses Gespräch mit mir an, wenn sich so ein Hund nähert. Dann konzentriere ich mich auf meine Menschen und
merke gar nicht, wie schnell wir vorbeigegangen sind. Diese Angst ist
schon geringer geworden und eines Tages werde ich vielleicht einen dieser Hunde begrüßen wollen - außer meinen Erzfeind. Er wohnt ein
paar Häuser weiter und wirft mir immer Unverschämtheiten und
Beleidigungen direkt an den Kopf. Er kann mir auch weiterhin gestohlen
bleiben.
Angst 6: Zurück zu müssen
Gleich viel Angst, wie vor dem
Verschwinden meiner Menschen, habe ich davor, zur Finca oder nach Spanien zurück zu müssen. Das ist schwer verständlich zu machen, weil ich
doch Gisi und Ralf so unendlich dankbar bin und weil ich sie auch
sehr lieb habe. Beide kümmern sich ja auch weiterhin rührend um meine liebe kleine Tochter Samantha. Aber ich möchte so gerne für immer bei
meinen eigenen Menschen bleiben.
Eines Tages besuchten wir eine Bekannte
hier in der Nähe. Ich bekam fast den Schock meines Lebens, als ich
dort zwei bekannten Menschen begegnete: Mama Gisi und Papa Ralf! Dabei sollten sie doch nicht hier sondern in
Spanien sein! Sie würden mich jetzt bestimmt zurückholen! Ich war sicher nicht
artig genug gewesen. Meine Menschen wollten mich zurückgeben!
Nein!
Bitte nicht! Augenblicklich sprang ich auf den Schoß von meinem Mama-Mensch, schmiegte
mich demonstrativ eng an sie und drehte Gisi und Ralf den Rücken zu. Höchstens war ich noch dazu bereit, auf den Schoß von meinem Papa-Mensch zu wechseln - aber mehr war nicht. Irgendwie fühlte ich langsam,
dass ich mich wohl doch getäuscht hatte. Meine Menschen wollten mich gar nicht weggeben. Es waren Gisi und Ralf, die mich einfach wiedersehen wollten. Ich schaute Gisi lange an und versuchte zu sagen, wie ich mich fühlte. Gisi flüsterte mir etwas ins Ohr, was mich weiter sehr beruhigte. Was es war, das werde ich nicht erzählen, weil es für immer unser schönes Geheimnis bleiben soll. Trotzdem bleibe ich bei Begegnungen mit Gisi und Ralf weiterhin ganz eng bei meinen Menschen - am liebsten auf dem Schoß von Mama und Papa sitzend. Sicher ist nun mal sicher.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen